Mathefrosch
Von al‑Chwarizmi zu Newton

Gleichungen lösen

Die Jagd nach der Formel – und was man tut, wenn es keine gibt.

Grad1
2x − 1 = 0
x = 12
Grad2
3x2 + 2x − 1 = 0

Und jetzt?

al-Chwarizmi auf einer Briefmarke
al‑Chwarizmi
um 780 – um 850, Bagdad
Der Mann, der der Algebra den Namen gab
  • 820 schreibt er in Bagdad ein Buch über al‑ǧabr – das „Ergänzen“ einer Gleichung. Daraus wird unser Wort Algebra.
  • Aus seinem latinisierten Namen Algorismi wird das Wort Algorithmus.
  • Er hat keine Formelzeichen. Kein x, kein =, keine negativen Zahlen. Alles steht in Worten da.
  • Seinen Lösungsweg begründet er mit einem Bild: einem Quadrat, das man ergänzt.
Mathefrosch
Wussten Sie? Von al‑Chwarizmi ist kein einziges Porträt überliefert. Das Bild, das man überall sieht, ist eine sowjetische Briefmarke von 1983 – zu seinem 1200. Geburtstag.
Sein Beispiel, sein Bild
x² x x 5x 5x 5 5 25 x + 5
x2 + 10x = 39 x2 + 10x + 25 = 39 + 25 (x + 5)2 = 64 x + 5 = 8     x = 3
Grad2
x1,2 = −b ± b2 − 4ac 2a
3x2 + 2x − 1 = 0    a = 3, b = 2, c = −1 x1,2 = −2 ± 4 + 12 6   =   −2 ± 46 x1 = 13      x2 = −1
Grad3
x3 − 3x2 + 2x − 1 = 0

Darauf wartet die Mathematik 700 Jahre.

Niccolò Tartaglia
Tartaglia
1500 – 1557
Gerolamo Cardano
Cardano
1501 – 1576
Ein gebrochenes Versprechen
  • 1535 Tartaglia gewinnt ein öffentliches Rechenduell: er kann Gleichungen 3. Grades lösen – und verschweigt, wie.
  • 1539 Cardano bittet ihn um den Weg. Tartaglia gibt ihn heraus, als verschlüsseltes Gedicht und nur gegen einen Schweigeschwur.
  • 1545 Cardano druckt die Formel trotzdem – in seinem Buch Ars Magna.
  • 1547 Tartaglia fordert ihn zum Rechenduell – mit Aufgaben, nicht mit Waffen. Cardano schickt seinen Schüler Ferrari. Die beiden schicken einander je 31 Aufgaben und ein Jahr lang Beschimpfungen.
  • 1548 Am 10. August treten sie in einer Mailänder Kirche gegeneinander an, vor Publikum und mit dem Gouverneur als Schiedsrichter. Schon am ersten Tag ist Ferrari klar überlegen – Tartaglia verlässt Mailand noch in derselben Nacht.
Cardanos Formel

Zuerst wird das x2 wegtransformiert, bis die Gleichung so aussieht:  x3 + p·x + q = 0

x1 = 3−q2 + (q2)2 + (p3)3  +  3−q2 − (q2)2 + (p3)3

Und das ist erst eine der drei Lösungen.

Und die beiden anderen
u = 3−q2 + (q2)2 + (p3)3 v = 3−q2 − (q2)2 + (p3)3

Die erste Lösung war x1 = u + v.

x2 = −u + v2 + i·3·(u − v)2 x3 = −u + v2 − i·3·(u − v)2
Ein bekanntes Beispiel
x3 − 15x − 4 = 0

Man sieht die Lösung sofort:  x = 4

Cardanos Formel sagt dazu:

x = 32 + −121 + 32 − −121

Der Weg zur Zahl 4 führt durch die Wurzel aus −121.

Bombelli rechnet 1572 als Erster damit weiter – und es geht auf. Die komplexen Zahlen entstehen nicht aus Neugier, sondern aus Not.

Grad4
3x4 + x3 − 3x2 + 2x − 1 = 0
  • Lodovico Ferrari (1522–1565) kommt mit 14 als Diener in Cardanos Haus.
  • Mit 18 löst er den Grad 4 – noch bevor der Grad 3 gedruckt ist.
  • Sein Trick: die Gleichung 4. Grades auf eine Gleichung 3. Grades zurückführen. Die kann Cardano schon.

Und die Formel?

Ausgeschrieben füllt sie mehrere Seiten. Niemand benutzt sie. Man rechnet Ferraris Weg nach – Schritt für Schritt.

Grad5
x5 − 3x4 + x3 − 3x2 + 2x − 1 = 0

Nach 1545 sucht ganz Europa die nächste Formel.

Fast 300 Jahre lang findet sie niemand.

Niels Henrik Abel
Niels Henrik Abel
1802 – 1829, Norwegen
Der Beweis, dass es sie nicht gibt
  • Abel sucht die Formel nicht mehr. Er beweist, dass keine existieren kann.
  • 1824 Er lässt den Beweis auf eigene Kosten drucken – sechs Seiten, so knapp gefasst, dass ihn fast niemand versteht.
  • Er schickt ihn an Gauss. Der legt das Heft ungeöffnet beiseite.
  • Eine feste Stelle bekommt er nie. Er lebt von Privatstunden, während sein Berliner Förderer Crelle jahrelang für ihn wirbt.
  • 1829 Am 6. April stirbt Abel mit 26 an Tuberkulose. Crelle hatte die Berufung an die Universität Berlin endlich durchgebracht – sein Brief trifft zwei Tage nach dem Tod ein.
Évariste Galois
Évariste Galois
1811 – 1832, Paris
Und der Grund dafür
  • Zweimal an der École polytechnique durchgefallen. Seine eingereichten Arbeiten gehen der Akademie verloren.
  • Seine Einsicht: entscheidend ist nicht die Gleichung, sondern wie sich ihre Lösungen vertauschen lassen.
  • 1832 In der Nacht vor einem Duell schreibt er die Theorie nieder. Am nächsten Morgen wird er angeschossen und stirbt einen Tag später, 20 Jahre alt.
  • Gelesen und verstanden wird das Heft erst 14 Jahre nach seinem Tod.
Satz von Abel und Ruffini
Für Gleichungen vom Grad 5 und höher gibt es keine allgemeine Lösungsformel aus +, −, ·, : und Wurzeln.

Das ist kein „noch nicht gefunden“.
Das ist bewiesen.

Aufgepasst

Keine Formel heisst nicht: keine Lösung.

Geht doch – Spezialfall

x5 = 32
x = 532  = 2

Geht nicht – allgemein

x5 − x − 1 = 0
−1 1

Keine Formel – aber die Lösung existiert: x ≈ 1.1673

Die Zahl ist da. Man kann sie nur nicht mit Wurzeln hinschreiben.

Isaac Newton
Isaac Newton
1643 – 1727, England
Die andere Frage

Nicht: Wie lautet die Formel?

Sondern: Wie komme ich der Lösung näher?

Newton stellt sie 1669 – und beantwortet sie an genau dieser Gleichung:

x3 − 2x − 5 = 0
Die Idee

Keine Formel – eine Näherung.

Eine Tangente liefert die Idee zur Näherung – und dazu braucht es die Differentialrechnung.

Newton-Verfahren
xn+1 = xn − f(xn) f'(xn)
Grad3
x3 − 2x − 5 = 0
SchrittNäherung
x02.0000000000
x12.1000000000
x22.0945681211
x32.0945514817
x42.0945514815

Jeder Schritt verdoppelt die Zahl der richtigen Stellen.

1200 Jahre in einer Zeile
820
al‑Chwarizmi
Grad 2
1545
Cardano, Ferrari
Grad 3 und 4
1669
Newton
Näherung
1824
Abel
ab Grad 5 unmöglich
1832
Galois
warum es nicht geht
heute
Dein Taschenrechner
rechnet Newton

Wenn keine Formel geht, ist das Newton-Verfahren
die letzte Hoffnung.

Und was heisst das für uns?

Grad 1: auflösen. Grad 2: Formel anwenden. Andere Gleichungen: Näherungsverfahren.
Mathefrosch Viel Erfolg!